Das letzte Protokoll – Chuck Palahniuk

von Daniel

das letzte protokollMisty ist ein Mädchen aus armen Verhältnissen. Sie malt gern und viel. Meistens kitschige Häuser, Gärten und Landschaften. Bessere Orte, an denen sie gerne leben würde, die sie aber nicht erreichen kann. Sie schafft es auf eine Kunstakademie und lernt den Casanova Peter kennen. Er kommt von der Insel Waytansea, einem Eiland voller reicher alt eingesessener Familien. Mit altem Schmuck und seinem verschrobenen Scham überzeugt er Misty, ihn auf seine Heimatinsel zu begleiten. Sie kommt in eine Welt, die ihren selbst gemalten Bildern entsprungen seien könnte. Alte große Anwesen, weite Strände und grüne Wiesen erwarten sie. Alles scheint perfekt.

Dann wird Misty ungewollt schwanger. Sie gebärt ihre Tochter Tabbi auf der Insel und langsam bröckelt die Fassade der heilen Welt. Ist sie wirklich aus freien Stücken hier? Ist die plötzlich von Touristen überschwemmte Insel das Paradies oder ihr letztes Gefängnis?
Peter begeht Selbstmord, überall findet Misty merkwürdige Mitteilungen an sie und Autor Chuck Palahniuk lässt seine Protagonistin ihre eigene Geschichte aufschreiben. Das letzte Protokoll beginnt.

Diesmal nimmt Palahniuk die Kunstwelt auseinander und zeichnet gleichzeitig eine kranke Gesellschaftsgruppe nach, die um jeden Preis an ihrem Lebensstil, ihren Privilegien und ihrer Macht festhalten will.
Die Mona Lisa hat keine Augenbrauen, weil ein schlechter Kurator sie einfach wegwischte. Tief muss der Autor gegraben haben, um allerlei skurilitäten aus der Kunstgeschichte aufzufinden. Immer wieder streut er die düsteren Anekdoten in die Geschichte ein und unterstreicht so den Teufelskreis in dem Misty sich befindet. Wie immer bei Palahniuk wird nichts ausgespart, jede Körperflüssigkeit beschrieben und der Albtraum dem Leser ungeschönt nah gebracht.

Auf den ersten Seiten ist das Protokoll noch sehr verworren geschrieben und viele Zusammenhänge bleiben lange unklar. Je weiter aber die Geschichte fortschreitet, wird der Schreibstil dem klassischen Roman ähnlicher und alles fügt sich zu einem widerlichen Ganzen zusammen.

Das letzte Protokoll fühlt sich intimer an, als die anderen von mir gelesenen Romane Palahniuks. Vielleicht liegt das aber auch an der ersten weiblichen Hauptrolle und dem stetigen Abwärtstrend ihres Lebens. Es dauert lange, bis Misty sich wehrt und aus ihrer persönlichen Hölle entfliehen will. Die Auflösung ließ sich leider erahnen und hatte auch nicht ganz die gewohnte Wucht. Trotzdem ist Palahniuk ein ganz großer Erzähler und schafft es in jedem Roman seine Finger tief in gesellschaftliche Wunden zu krallen. Wer an diesen Abgründen Interesse hat und nicht gerne die Augen vor der Wahrheit verschließt, sollte die Romane des amerikanischen Schriftstellers mit französisch-russischer Abstammung unbedingt lesen.


Diary
Chuck Palahniuk
2003

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