
Ein Buch von Cormac McCarthy zu kaufen ist nicht ganz einfach. In den Buchläden stapeln sich die Krimi und Thriller Bücher, von jedem Autor sind zehn verschiedene Titel vorrätig und jeder Schund, der sich gut verkauft, blockiert die Regale.
Letztes Jahr konnte man genau einen Roman von McCarthy ohne Probleme kaufen und das war “Die Straße”. Für diese Geschichte erhielt der Autor sogar den Pulitzer Preis, was die hiesigen Verleger und Buchhändler aber irgendwie kalt lies und nicht dazu veranlasste auch nur einen einzigen Roman aus McCarthys Portfolio neu aufzulegen, geschweige denn überhaupt in ihren Laden zu stellen.
Nachdem der Oscargewinner “No Country For Old Man”, basierend auf die Vorlage von McCarthy, nun aus den deutschen Kinos verschwunden ist, hat es plötzlich der Roman “Kein Land für alte Männer” auf die Auslagen der Hugendubels, Thalias und Buch Habels der Republik geschafft. Natürlich nicht neben den alten Roman “Die Straße”. Dieser ist wieder verschwunden. Es darf eben immer nur einen McCarthy geben.
Nach dieser langen und nichtssagenden Einführung komme ich nun zum Kern dieses Beitrags. Mithilfe des mighty Internets habe ich “Die Abendröte im Westen” erstanden und in einem erschreckenden Zeitintervall von gerade mal 10 Wochen gelesen. McCarthy schreibt nicht für die Massen. Er schreibt nicht einmal für Randgruppen, ich denke er schreibt ganz gerne für sich selbst. Vielleicht auch für jemand ganz anderen, aber ganz ganz sicher nicht für den Leser.
Aber worum geht es denn eigentlich? Es geht um einen Jungen, der keinen Namen hat, auf der Jagd nach Indianern in Mexiko zum Mann wird und seine Seele verliert oder findet. Da bin ich mir noch nicht ganz schlüssig drüber.
Wenn ich alle Dialoge des gesamten 376 Seiten dicken Romans zusammenzählen würde, käme ich höchstens auf 76, wenn überhaupt. Ergo bleiben noch 300 Seiten über. Diese werden für die Beschreibung der Landschaft, Beschreibung des Wetters und Beschreibung des Indianer-Abschlachtens verbraten.
Beim Lesen dieser Beschreibungen hatte ich das Gefühl den Sand der Steppe zu schmecken, die Hitze auf der Haut zu spüren und das geronnen Blut der Indianer zu riechen.
Die ersten 250 Seiten wird quasi nur rumgeritten und getötet. Ohne klare Struktur oder jegliche Handlungsverläufe folgte ich einfach nur diesem dreckigen, stinkenden Menschenhaufen, der den Indianern ihre Kopfhaut abriss und dafür 100 Goldstücke einsackte. Bei den Figuren gibt es vielleicht acht oder neun Männer, die einen Namen haben und davon werden höchsten vier in irgendeiner Form näher beschrieben. Eine wirkliche Handlung und Interaktion kommt erst auf den letzten 100 Seiten zu Stande. Da wird dann noch einmal sehr viel gedankenschwer herumgeredet und der Leser am Ende mit Stirnrunzeln und Kopfkratzen zurückgelassen, was anscheinend typisch für McCarthy ist. Mit einem ähnlich offenen Ende schlossen auch “Die Straße” und “No Country For Old Man”.
In Gedanken höre ich jetzt meine Freundin wieder sagen: “Hat dir das Buch jetzt gefallen oder nicht?! Das kann man bei dir oft nicht erkennen. Redest immer da rum, aber gibst keine klare Empfehlung …”
Irgendwie hat es mir gefallen. Die langen Beschreibungen sind teils ermüdend, teils sehr faszinierend. Das gesamte Buch ist knochentrocken geschrieben und kann mit vielen bizarren Szenen aufwarten, die nicht umbedingt jedermanns Geschmack sein dürften und die mich an der angeblich kommenden Verfilmung von Ridley Scott sehr stark zweifeln lassen. Entweder sie schreiben die gesamte Geschichte um, oder sie drehen eine melancholische dreistündige Metzelorgie mit moralischem Ende und kaum, bis keinen Dialogen.
Damit sind wir auch wieder beim Anfang meines Beitrags. Bücher von Cormac McCarthy findet man nicht in den Buchläden, weil sie so was von nicht Massenkompatibel sind. Jeder Leser bekommt eine große Ladung Blut und Sand entgegengeworfen und darf sich dann selber frei graben. Nicht umbedingt etwas für den entspannten Nachmittag auf dem Balkon.
Dir hat das Buch also gefallen, hm?
Übrigens: Es gibt da sowas total Faszinierendes in Bücherläden - keine Ahnung, ob dir das bei deinem internetsüchtigen Tunnelblick bereits aufgefallen ist - das nennt sich “bestellen”. Da geht man zu einem Mitarbeiter und erzählt vertraulich, was man gern hätte und - du wirst es nicht glauben - das geht schneller als bei Amazon, am nächsten Morgen isses da!!
Man kann sogar über das Internet die Bücher in den jeweiligen Buchladen bestellen und muss sie nur noch abholen.
Davon findet die Laufkundschaft die Bücher aber auch nicht. Man muss schon wissen, dass es sie gibt.
Ganz klarer Nerdkommentar…
Das unnerdige Mädchen sagt dazu: TELEFON.
Und eine Erfindung, die auch wenig genutzt wird, apropos Lauf- und Stöberkundschaft: BÜCHEREI.