Die Frau des Zeitreisenden – Audrey Niffenegger

von Daniel

Wie fange ich diesen Artikel an? Beginne ich so, wie es meine Freundin vermutete, verweigere mich jeder Verbindung mit einem Liebesroman, winde mich um jedes Interesse herum und tue so, als hätte ich es nur gelesen, weil sie mich dazu gezwungen hat? Kann ich so meine Männlichkeit beweisen? Nicht wirklich. Ich habe den Roman schließlich bis zum Ende gelesen, also kann ich jetzt auch erzählen wie es wirklich war. Macht euch auf scheußliche Wahrheiten gefasst.

Vom leicht kitschigen Cover abgeschreckt blätterte ich die ersten Seiten durch, las den ersten Absatz, dann den Prolog und war damit schon mitten in der Geschichte. Clare wartet auf ihren Mann Henry, der immerzu ohne sie und vollkommen unkontrolliert durch die Zeit reist. Schon die ersten Zeilen sind von Sehnsucht, Angst und Freude bestimmt. Diese drei Aspekte ziehen sich durch den gesamten Roman, von ihnen hängt alles ab.

Wenn Henry verschwindet bleibt Clare allein zurück, unwissend wohin er gereist ist und wann er wiederkommt. Die Frau des Zeitreisenden ist eine tragische Figur, die von ihrer Sehnsucht lebt.
Henry landet immer nackt in der anderen Zeit und er kann überall landen. Häufig wacht er bei Clare im Garten auf, als diese noch ein kleines Mädchen ist. Hier lernen sie sich kennen und hier nimmt die Verworrenheit von Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit ihren Lauf. Manchmal hat er aber auch nicht soviel Glück und muss sich alleine durchschlagen, einbrechen, Kleidung stehlen, am Leben bleiben. Hier kommt die Angst ins Spiel. Wenn Henry zurückkehrt kann er gerade verprügelt worden sein, vielleicht hat er lange nichts gegessen, hatte nichts zum anziehen, musste sich verstecken. Angst ist ihr ständiger Begleiter.
Jeder Besuch in der Vergangenheit ist aber auch ein freudiges Ereignis. Henrys Alter variiert bei seinen Treffen mit Clare in den unterschiedlichsten Zeitzonen. Er berichtet ihr aus der Zukunft und der Vergangenheit. Von Dingen, die für sie noch kommen, die er schon erlebt hat, von denen er weiß, dass sie es gemeinsam erleben werden.

Autorin Niffenegger verknüpft all diese Zeitebenen gekonnt und spannt zwischen ihnen großartige Spannungsbögen. Der Leser liest die Geschichte aus den wechselnden Perspektiven der beiden Hauptpersonen und reist mit ihnen durch die Zeit. Wirkt dies auf den ersten 50 Seiten noch verwirrend, so ergeben sich nach und nach immer mehr Verbindungen und die Handlung nimmt enorm an Fahrt und Dynamik auf. Die Dramatik sinkt zur Mitte wieder ab, als beide heiraten wirkt die Geschichte schon fast beendet, um dann noch einmal groß aufzutrumpfen. Mit Gefühlen, Trauer, feinsinnigen Beobachtungen, einem teils sehr trockenen Humor und dem Mut ihre Szenerien bis zum bitteren Ende durchzuziehen, fesselt sie den Leser und schnürt ihn emotional ein.

Über Sinn und Unsinn von Zeitreisen darf immer gestritten werden und auch hier wird nicht genau geklärt warum Henry seine Zeitsprünge absolviert. Ich habe es als Stilmittel gesehen, welches die Liebesgeschichte mit seinen tragischen und dramatischen Elementen versieht, die bestens funktionieren.

Der Humor und die liebenswerten Personen haben mich bei der Stange gehalten und für ein rührendes Lesevergnügen gesorgt. Die Frau des Zeitreisenden ist ein gutes Buch für melancholische Typen.

Ende des Jahres läuft die große Verfilmung des deutschen Regisseurs Robert Schwentke mit Eric Bana und Rachel McAdams in den Kinos. Ich bin gespannt, ob sie es geschafft haben, die Magie des 600 Seiten Romans in einen Film zu quetschen.


The Time Traveler’s Wife
2003
Audrey Niffenegger