
Beginnen wir die heutige Besprechung des Romans „Die Kunst des Verschwindens“ von Jim Dodge mit einem kleinen Zitat aus eben diesem Büchlein.
Longshot sagte: „Das Beste am Verrücktsein ist doch, dass man verrückte Sachen machen darf.“
Und in dieser wunderbaren Geschichte passieren eine Menge verrückte Sachen. Alles beginnt mit Annalee, die schon mit sechzehn ihren Sohn Daniel in einer Jugendstrafanstalt gebärt. Nachdem sie einer der Wärterinnen den Kiefer gebrochen und ihre Strafe abgesessen hat wandert sie ohne einen Penny Geld raus in die weite Welt.
Der reisende Sänger Smiling Jack nimmt sich ihr an und hilft ihr die ersten Wochen zu überstehen. Smiling Jack ist aber nicht nur Sänger, sondern auch Mitglied bei der AMO, der Allianz für Magier und Outlaws. Er bietet Annalee eine feste Bleibe an, wenn sie die Hütten mitten in der Wildnis in Stand halten und ab und zu einen Flüchtigen, der in Konflikt mit dem Gesetz gekommen ist, dort aufnehmen würde. Sie sagt zu und die ersten Jahre vergehen wie im Flug.
Kurz nach Daniels fünftem Geburtstag setzte sich Annalee mit Daniel zusammen und erklärte ihm ganz behutsam, was es für Vor- und Nachteile mit sich brachte, eine Schule zu besuchen. Die Entscheidung überließ sie Daniel. Er brauchte nur einen Moment.
„Nö“, sagte er, „Schule klingt irgendwie Scheiße.“
So begann Annalee also ihren Sohn selbst zu unterrichten. Jede Woche ein anderes Thema, unterstützt mit Büchern aus der Bibliothek und der Natur rund um die Hütten. Daniels Neugier ist schier grenzenlos und er ist ein guter Schüler.
Die immer wieder auftauchenden Gäste bleiben meist nicht lange, doch bald erscheint Shamus, ein mysteriöser Outlaw. Annalee und er verlieben sich. Zuerst scheint alles super zu laufen, doch dann findet die Polizei das Versteck und die drei müssen flüchten. Jetzt erst wird Mutter und Kind bewusst mit was für einer Organisation sie es zu tun haben. Die Mitglieder sind keine wirklichen Verbrecher, aber sie kommen schon immer mal wieder mit dem Gesetz in Konflikt (offizieller und immer wieder auftauchender Wortlaut aus dem Buch), helfen sich aber mit ihrem weltweiten Netzwerk gegenseitig aus der Patsche. So gelangen die drei Flüchtenden schnell mit Auto und Flugzeug aus der Gefahrenzone. Shamus taucht daraufhin erstmal unter.
Nach ein paar Monaten auf einem Raddampfer, der von der AMO zu einem Nachrichtenzentrum umfunktioniert wird treten Annalee und Daniel der AMO offiziell bei und arbeiten in einem Druckerei, die auch die ein oder andere Fälschung herstellt.
Es bleibt für einige Zeit ruhig, doch dann Überschlagen sich die Ereignisse und eine große Reise für Daniel beginnt.
Shamus taucht wieder auf und will zusammen mit Annalee und anderen AMO Mitglieder Plutonium von der Regierung stehlen. Die Sache geht schief, Annalee stirbt und Daniel wird schwer verletzt. Er fällt ins Koma.
Die AMO übernimmt die Mutterrolle für Daniel, nach seinem erwachen. Jetzt beginnt der Hauptteil des Romans und damit eine wahnwitzige Odyssee.
Daniel wandert von einem Lehrer zum nächsten. Doch was er lernt, ist kein normaler Schulstoff. Schlösser knacken, Meditation, Drogenherstellung, Glücksspiel, Selbstverteidigung, Verkleidung und schließlich die Kunst des Verschwindens.
„… lehrt die Kunst des Verschwindens. Hier gibt es keine profanen Tricks [...], keinen Brechungsindex und keine Blutpigmentierung, sondern vielmehr die altehrwürdige Kunst, wie man aufhört, Materie zu sein.“
Neben dieser Lehrreise wird der zweite Handlungsstrang um den Tod seiner Mutter erzählt, die, so glaubt Daniel, ermordet wurde.
All das wird von Jim Dodge mit einer Leichtigkeit und einem Wortwitz erzählt, dass man das Buch kaum aus der Hand legen kann. „Die Kunst des Verschwindens“ ist einer der wenigen Romane, die ich fast am Stück gelesen habe. Und das bei knapp 600 Seiten.
Das Geschehen ist voller skurriler Figuren und von einer altmodischen Stimmung geprägt, die einen in der Erzählung wunderbar versinken lässt. Bezahlt wird nur mit Bargeld, die großflächige digitale Überwachung ist noch nicht vorhanden und alles ist irgendwie relaxter als heute.
„Genau, Kumpel! Wenn du glaubst, irgendwas wär wichtig genug, um es aufzuschreiben, damit andere es erfahren, dann schreib es auf irgendeine Wand! Stell dir mal vor, Mann, die Wände von Motelzimmern wären dann wie Lyrikzeitschriften.“
Die Aktion des Verschwindens ist das einzige unwirkliche in der ganzen Geschichte und passt doch genau in diese Welt. Das Verschwinden wird nicht als Zaubertrick dargestellt, sondern als Übergang in den nächsten Aggregatzustand. Flüssig, fest, gasförmig, das nicht Vorhandensein von Materie.
„Bestimmt hast du gehört, was der Volksmund über das Fallen in Träumen sagt, dass man immer aufwacht bevor man am Boden aufschlägt, denn wenn man dies täte, würde man sterben. Wie immer hat der Volksmund Recht.“
Das Konzept der Untergrundorganisation, die im Verborgenen operiert und immer ein wenig gegen die Regierung arbeitet hat einen rebellischen Charme, dem ich mir nicht entziehen konnte. Dabei sind die Mitglieder aber eben keine richtigen Gangster. Oder sie wirken zumindest nicht so.
Ihm fiel wieder ein, dass Mott immer sagte, wenn man etwas fahren wollte, das er „blinde Leihgabe“ nannte – Autos, deren Eigentümer nicht wussten, dass sie gerade etwas verliehen -, sollte man zusehen, dass man sich alle zwölf Stunden ein neues borgte.
Wer mal wieder für ein paar Stunden in einer entspannten Welt, voller Humor und dem altmodischen Freiheitsgedanken verschwinden will, der sollte unbedingt zugreifen. Ihr werdet lachen, vielleicht weinen und am Ende ein wenig grübeln. Genau so sollte es doch immer sein.
Ich kapier überhaupt nichts mehr. Das bedeutet wahrscheinlich, dass ich gesund bin. Und das ist eine verdammt gute Ausgangsposition, um wieder verrückt zu werden.
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