Kunst

documenta 12 - Tagestour - Fridericianum

Fridericianum

Da stehen wir also. Vor uns fünf Standorte voller Kunst und zehn Stunden Zeit sie zu betrachten. Fast ohne Vorwissen, ohne Erwartungen, aber mit viel Enthusiasmus stürmen wir die documenta 12.

Wie alle guten Sachen, beginnt auch die größte Kunstschau der Welt damit, dass man sich in eine Schlange stellt, an deren Ende sich der Eingang zum Fridericianum befindet.
Das Untergeschoss erstmal übersehend geht es gleich die Treppen nach oben. Drei junge Frauen versperren tanzend den Weg zum ersten großen Kunstwerk. Fasziniert und verstört beobachten wir die sich wiederholenden monotonen Bewegungen der Tänzer. Sollte man sich an ihnen vorbeischieben, um weiter ins Innere der Halle zu kommen? Warum schauen sie so ernst? Man könnte ja mal einen Witz reissen und überprüfen ob sie darauf reagieren. Die umstehenden Besucher mustern uns nach diesem laut vorgetragenen Gedankengang abfällig, nur eine Frau lächelt uns mitfühlend an. Okay, wir gehen mal in einen der angrenzenden Räume.

Mint grün erstrahlen die Wände. Fotos von einem Baby, das aus einer Toilettenschüssel schaut, ein Video von einer asiatischen Frau und einem Kind, die sich eine Kissenschlacht liefern, gebogene Eisendrähte, ein Chinese, der eine wandernder Mauer über einen Zebrastreifen baut und unsere erste Begegnung mit Juan. Mit vollem Namen heißt der Künstler Juan Davila, aber wir nennen ihn ab sofort nur noch Juan. Es gibt einige Künstler auf der d12, die mit starken sexuellen Motiven arbeiten, aber keiner dreht das ganze so ins Perverse, wie Juan. Dem ein oder anderem Kind werden die Augen zugehalten, während wir noch sinnierend auf nackte Haut, Tiere, Flaggen und Geschlechtsorgane blicken.
Danach wieder weiße Wände und riesige Fotos von Eisenbahnbrücken in der wilden Natur, Schnee, der auf Zweigen liegt und stark verblasste oder überbelichtete Motive, wo nur noch Konturen der Szenerie zu erkennen sind.

Zurück bei den Tänzern, die nun in einem großen Netz aus Kleidungsstücken herumklettern und langsam beginnen, sich in einzelne Hosen und Hemden zu zwängen, während sie einen Meter in der Luft schweben. Über uns hängt ein hölzernes Schachtsystem.

Schwungvolle Weite empfängt uns im nächsten Raum. Dicke Drähte schlängeln sich um die Besucher. Verbunden mit milchigen und transparenten Plastikseglen lassen sie die Umgebung beruhigenden aber doch in Bewegung erscheinen.

Striche. Zwei kurze schwarze Striche auf weißem Hintergrund in einem kleinen Rahmen an einer riesigen schwarzen Wand. Daneben die selbe monströse schwarze Wand. Diesmal makellos. Ohne Rahmen. Ohne Striche. Wir stehen vor dieser vollkommenen Düsternis, kratzen unsere Bärte und starren in die Dunkelheit. Andere Besucher lassen den Blick zwischen uns und der blanken schwarzen Wand hin und herwandern, schauen nochmal hin, gucken wieder uns an, erneut die Wand, wieder uns. Dann grinsen sie, schütteln den Kopf und gehen vorbei. Wir grinsen ebenfalls und begeben uns in die nächste Etage.

Videoinstallationen, große Collagen und eine zerschnittene schwarze Tüte ermüden uns. Dann aber ein Highlight.
In einem Raum ohne Fenster läuft ein langer roter Schlauch auf und ab. Daneben an der Wand hat John McCracken mehrere rot, orange, gelb, blaue schimmernde Acrylblöcke montiert. “Fire” ist der Titel und Feuer sehen wir. In der Ecke steht noch ein erst unscheinbarer Kleiderständer behangen mit Lampen aller Art. Als sie zu leuchten beginnen blinzeln wir in ein Meer aus Farben und Formen.

Hitze staut sich in den oberen Räumen und mechanisch schieben sich die Besucher an einer langen Bilderserie, die alle vier Wände umfasst, entlang. Fließend scheinen die Themen in einander überzugehen und fließend begeben wir uns ins Erdgeschoss, vorbei an Bondagefilmen und dem Finale der WM zwischen Italien und Frankreich aus allen nur möglichen Blickwinkeln.

Wir sehen Blut von vielen Dichtern, Pokémons, ein Schlachtengemälde aus Magneten und einen Tiger der eine Stoffschlange zerfetzt. In einem halbrunden Klangkörper schallen uns Wortfetzen entgegen.
“memorys”, “hate”, “arche’s existence”.

Immer wieder werden wir uns am heutigen Tag mit diesen Wörtern gegenseitig erschrecken. Und der Tag ist noch lang.

Teil 2: documenta Halle, Aue Pavillon
Teil 3: Neue Galerie, Schloss Wilhelmshöhe


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